Unterschiedliche Meinungen

Ganzjahresfütterung: Die Vor- und Nachteile für die Vögel

  • Franziska Irrgeher
    vonFranziska Irrgeher
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Der Winter geht zu Ende, und für viele Vogelfans stellt sich die Frage, ob die Fütterung nun eingestellt wird. Ganzjahresfütterung ist umstritten und hat Vor- und Nachteile.

Berlin – Im Winter ist die Empfehlung meist klar: Vögel können in einer kalten Nacht viel Gewicht verlieren und brauchen morgens schnell Energie. Daher ist Vögel füttern in dieser Jahreszeit wichtig und wird auch empfohlen. Dass damit nur die ohnehin häufigen Gartenvögel gefördert werden, ist jedem Vogelfan klar. Bei der Frage nach der Ganzjahresfütterung gehen die Meinungen aber ziemlich auseinander, auch in Fachkreisen.

Ganzjahresfütterung: Die Vor- und Nachteile für die Vögel

Grundsätzlich ist jede Art der Vogelfütterung ein Eingriff in die Natur. Wir helfen damit Tiere, die ohne unser Futter vielleicht nicht überlebt hätten. Andererseits greift der Mensch ohnehin gewaltig in die natürliche Landschaft ein mit baulichen Veränderungen, Landwirtschaft und Flächenversiegelung. Helfen oder nicht, die Frage stellt sich vor allem, wenn langsam die Brutzeit beginnt.

Ganzjahresfütterung bedeutet, dass die Gartenvögel nicht nur im Winter, sondern das gesamte Jahr über immer Futter zur Verfügung haben. Es gibt Befürworter und Verfechter des genauen Gegenteils. Selbst Experten sind sich dabei nicht einig.

Ganzjahresfütterung: Das sagt der NABU

Professor Peter Berthold, der unter anderem das Buch „Vögel füttern – aber richtig“ geschrieben hat, ist für die Ganzjahresfütterung. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) dagegen stellt bereits in der Überschrift seines Artikels dazu klar, dass eine Ganzjahresfütterung den Vogelschwund nicht aufhält. Der NABU weist darauf hin, dass mit der Fütterung im Garten etwa zehn bis 15 Arten erreicht werden, von denen keine im Bestand gefährdet sei. Darunter sind beispielsweise Amseln, Meisen oder Rotkehlchen, eine Ausnahme bildet der im Bestand rückläufige Haussperling.

England als Vorbild für die Ganzjahresfütterung weist der NABU als wenig aussagekräftig aus, da auch dort die Fütterung den Rückgang nicht aufgehalten habe. Daher sei vor allem der Schutz und Erhalt von Lebensräumen wichtig, soll heißen naturnahe Gärten. Auch geht der NABU klar auf die Frage ein, ob Ganzjahresfütterung Jungvögeln schadet. Konkret liest man oft, dass beispielsweise junge Meisen qualvoll an falschem Futter wie Erdnüssen anstatt Insekten verenden. Die Zufütterung hat laut NABU aber weder einen positiven noch negativen Effekt auf die Jungtiere. Der NABU verweist also klar auf vogelfreundliche Gärten als deutlich bessere Lösung.

Der NABU Baden-Württemberg beispielsweise geht noch konkreter auf einzelne Aspekte ein, etwa die Zeit der Jungenaufzucht. Es wird dabei empfohlen, von April bis Juli auf Fettfutter, Sonnenblumenkerne und getrocknete Insekten bei der Fütterung zu verzichten. Wenn Erdnüsse verfüttert werden, sollten diese in Gitternetz-Silos sein. Feine Insekten und Sämereien seien das, was die Vögel in dieser Zeit auch in der Natur finden würden.

Konkret mit den Punkten im Buch von Peter Berthold setzt sich der NABU Kreisverband Gütersloh auseinander. Insgesamt kommen aber alle Berichte zu dem Schluss, dass sich grundlegend an unserem Umgang mit der Natur etwas ändern müsste, um Vögeln langfristig zu helfen. Dazu gehört auch, dem Insektensterben entgegenzuwirken.

Ganzjahresfütterung: Das sagt der LBV

Der Landesbund für Vogelschutz München stellt bereits zu Beginn seines Artikels klar, dass der Bericht als Diskussionsbeitrag aufgefasst werden soll und Vor- sowie Nachteile aufzeigen möchte. Für die Ganzjahresfütterung spreche etwa, dass wir Menschen ohnehin massiv in das natürliche Geschehen eingreifen. Vögel finden aufgrund von Pestiziden, Monokulturen und neuen Siedlungen weniger Nahrung. Zudem seien in den Gärten auch häufiger exotische Pflanzen und Zierpflanzen zu finden.

Dem gegenüber stehe aber, dass die natürliche Nahrung durch die Zufütterung nicht ersetzt werden könne. Es sei maximal eine Nahrungsergänzung. Wir finden diesen Begriff sehr schön, denn er gibt Anreiz, nicht nur an die Fütterung, sondern auch an die gesamte Struktur des Gartens als Lebensraum zu denken. Vogelschutz, so der LBV, habe das selbstständige Überleben der Tiere zum Ziel und dürfe nicht von einzelnen Vogelfreunden abhängig sein. Zudem weist der LBV auf die Verbreitung von Krankheiten an Futterstellen hin.

Ganzjahresfütterung: Vor- und Nachteile

Darauf aufbauend, möchten wir im Folgenden noch mal konkret auf die Vor- und Nachteile der Ganzjahresfütteung und vor allem deren Umsetzung eingehen. Denn wer Tiere füttert, übernimmt damit auch Verantwortung.

Die Vor- und Nachteile der Ganzjahresfütterung im Überblick:

VorteileNachteile
Die Vögel haben eine sichere Nahrungsquelle, wenn natürliche Möglichkeiten wegfallenBei falscher oder fehlender Reinigung verbreiten sich Krankheiten schnell
Laut einigen Beobachtungen ist die Gefahr, dass Jungtiere falsches Futter wirklich fressen und daran verenden, geringBei geringem natürlichen Nahrungsangebot können Jungtiere mit falschem Futter versorgt werden
Während der Brutzeit kann die Futterstelle Elterntieren schnell Energie liefernGanzjahresfütterung ist eine große Verantwortung, bedenken Sie das auch im Falle eines Umzugs oder Urlaubs
Vogelfütterung ist eine Möglichkeit, sich mit Tieren und Umwelt auseinanderzusetzen. Wer füttert, baut eine Bindung auf und wird auch auf andere Aspekte des Natur- und Umweltschutzes aufmerksam.Futterstellen locken auch Feinde wie Katzen oder Sperber an

Wer sich auf eine Ganzjahresfütterung einlässt, muss sich darüber klar sein, dass die Vögel sich auf diese Nahrungsquelle verlassen. Fällt sie plötzlich weg, müssen sie eine neue suchen, was mit Energieaufwand und gegebenenfalls Streitigkeiten verbunden ist. Das Vogelfutter muss unbedingt hochwertig sein, ambrosiafrei und an die Jahreszeit angepasst. Zudem bevorzugt fast jede Vogelart anderes Futter. Gut wäre daher eine Mischung, die sowohl Weichfutterfresser als auch Körnerfresser anspricht. Die Fütterung von getrockneten oder lebenden Insekten wird oft empfohlen, wir sehen das etwas kritisch, da die Mehlwürmer nicht wirklich viel mit Raupen, Mücken und anderen Garteninsekten gemeinsam haben. Als Zusatz können Sie das Futter aber anbieten.

Absolut wichtig ist die regelmäßige Reinigung der Futter- und Wasserstelle. Das Futter darf nicht schimmeln und sollte bestenfalls nicht nass werden. Auch sollte eine Wasserstelle zur Verfügung stehen und täglich gereinigt werden. Gerade in den heißen Sommermonaten breiten sich Krankheiten sonst schnell aus.

Wenn Sie geschwächte oder tote Tiere in der Nähe der Futterstelle entdecken, ist die Fütterung sofort einzustellen. In jedem Fall sollte die Futterstelle vor der nächsten Nutzung gründlich gereinigt werden.

Ganzjahresfütterung: Naturnahe Gärten helfen auch

Neben dem Füttern der Vögel, mit dem Sie die Tiere immerhin auf Ihren Garten aufmerksam machen, gibt es aber noch weit mehr. Wasserstellen sind ein Anfang und gerade im Sommer als Trinkmöglichkeit und Badeplätze beliebt. Bestenfalls gestalten Sie aber einfach den Garten naturnah.

Das bedeutet konkret: Rückzugsorte für die Vögel schaffen (Vogelschutzgehölze), das natürliche Nahrungsangebot fördern durch Insektenschutz und Vogelfutterpflanzen und Nistmöglichkeiten anbieten. Bestenfalls beherbergt Ihr Grundstück hohe, alte Bäume. Wenn nicht, gibt es auch zu jedem Vogel den passenden Nistkasten.

Brennnesseln, Wilde Karde und Wegwarte beispielsweise sind nicht nur für Insekten gut, sondern liefern auch Vögeln Nahrung durch Raupen an den Pflanzen oder Samen. Wer beispielsweise im ganzen Jahr keine Erlenzeisige oder Stieglitze im Garten hat, kann sie mit etwas Glück im Herbst an der Wegwarte und anderen Wildpflanzen beobachten. Viele Pflanzen bieten den Tieren nur sehr kurz Nahrung, die Vögel finden sie aber mit faszinierender Präzision, sodass der Garten möglichst vielfältig bepflanzt sein sollte. Und so, dass eigentlich immer etwas blüht oder gerade Früchte oder Samen trägt. Etwas Unordnung schadet dabei auf keinen Fall.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Panthermedia

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