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Schöne Gräber trotz Klimawandel: Wiesbaden testet Pflanzen

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Wiesbaden testet Friedhofspflanzen
Geranien und Fächerblumen (vorn) blühen auf dem Friedhof im Stadtteil Biebrich auf einem Versuchsfeld mit 72 mit Holz eingefassten kleinen Blumenbeeten. © Arne Dedert/dpa

Der Klimawandel macht vor Friedhöfen nicht Halt - und stellt Friedhofsgärtner vor Herausforderungen. Wie sehen Pflanzen auf Gräbern auch in Trockenperioden gut aus? Zu dieser Frage hat Wiesbaden einen Praxisversuch gestartet.

Wiesbaden - In Reih' und Glied stehen 72 mit Holz eingefasste kleine Beete auf dem Friedhof in Wiesbaden-Biebrich. Jede vierte Reihe wiederholt sich die Bepflanzung, mal wachsen rot blühende Blumen in den Kästen, mal Stauden oder Bodendecker.

„Wir testen hier unter anderem, welche Pflanzen in Zeiten des Klimawandels mit wenig Wasser auskommen“, erklärt Matthew Lynch, Inhaber einer Friedhofsgärtnerei.

Er betreut das Pilotprojekt gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Grob, unterstützt werden die beiden von Studenten der Hochschule Geisenheim im Rheingau. Die Kernfrage sei, wie ein Grab auch ohne viel Gießen gut aussehen kann, erläutert Grob. Außerdem soll auf dem Versuchsfeld getestet werden, wie Friedhofspflanzen auf torffreier Erde gedeihen, ergänzt Lynch. Inzwischen fragten einige Kunden gezielt nach dieser umweltfreundlichen Variante.

Gießen nach einem strengen Schema

In den Kästen wachsen unter anderem Begonien, Sedum und eine besonders hitzeresistente Christusdorn-Variante, die mit wenig Wasser auskommt. Die 72 Kästen werden nach einem strengen Schema gegossen, wie Lynch erläutert. Die ersten vier Reihen bekommen bei jedem Gießgang das bisherige normale Maß von zehn Litern Wasser. Die identisch bepflanzten vier Reihen des zweiten Abschnitts bekommen fünf Liter und der dritte Sektor wird nicht gegossen.

Einmal monatlich bewerten die Gärtner den Zustand der Pflanzen, insgesamt ist das Projekt auf drei Jahre angelegt. Parallel wird auch die Temperatur und die Niederschlagsmenge an den Versuchsfeldern gemessen.

„Wir interessieren uns besonders für die Ergebnisse bei den Bodendeckern“, sagt Christina Freitag. Die Landschaftsarchitektin ist bei der Stadt Wiesbaden für die Grünunterhaltung der Friedhöfe zuständig. Besonders bei den Grabflächen unter Bäumen, etwa bei Urnengräbern, sei es schwer, geeignete Pflanzen zu finden, die mit Trockenheit klar kommen. Storchenschnabel beispielsweise habe nicht funktioniert. Die Stadt hat die Flächen für den Versuch bereitgestellt.

Rückzugsraum für viele Tier- und Pflanzenarten

Friedhöfe hätten sich - neben ihrer Funktion als Trauerorte - vielerorts zu wichtigen grünen Oasen entwickelt, sagt der Kunsthistoriker Dirk Pörschmann, Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel.

Friedhöfe zählen zu den artenreichsten Lebensräumen in den Städten. Mit Bäumen, Hecken und Freiflächen bieten sie Platz für viele wildlebende Tiere - darunter auch seltene und gefährdete Arten. Vor allem wenn es alten Baumbestand gibt, ist der Friedhof ein Zuhause für Vögel, aber auch Fledermäuse und Insekten.

Unter anderem Habichte und Sperber, Waldohreule und Waldkauz sowie Mittel- und Schwarzspecht brüten beispielsweise auf Kölner Friedhöfen, wie der Naturschutzbund (Nabu) berichtet. In den Hecken finden sich Gartenschläfer, im Totholz leben Nashornkäfer. Wenn auf den Rasenflächen blumenbunte Wiesen entstehen dürfen, dann finden unter anderem Schmetterlinge und Wildbienen Nahrung.

Trend zu mehr Nachhaltigkeit

Vor allem in Städten stünden auch die Angehörigen einer naturnahen Gestaltung von Gräbern inzwischen offen gegenüber. Dies sei etwa daran erkennbar, dass heimische Pflanzen ausgewählt werden. Auch bei den Grabsteinen gebe es einen Trend zur Nachhaltigkeit, sagt Pörschmann. Innerhalb von Europa gebe es ausreichend Alternativen zu Steinen, die mit langen Transportwegen beispielsweise aus Indien kämen.

„Der Klimawandel macht vor den Friedhöfen nicht Halt“, sagt auch Michael Albrecht vom Verband der Friedhofsverwalter. Die klassische Friedhofsbepflanzung leide teils stark unter Hitze und Dürre und auch sattgrüne Rasenflächen den ganzen Sommer über gehörten wohl eher der Vergangenheit an. Albrecht beobachtet nach eigenen Worten seit mehreren Jahren einen Bewusstseinswandel, dass ein Friedhof als Rückzugsraum für die Natur gesehen wird - und damit auch „ein Bewahrer der Schöpfung“ sein könne. dpa

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