1. 24garten
  2. Gesund ernähren

Wie fair ist „faire Milch“?

Erstellt: Aktualisiert:

„Faire Milch“
Hinter dem Begriff „fair“ steckt keine einheitliche Definition. © Andrea Warnecke/dpa-tmn

Faire Preise für Erzeuger: Damit werben einige Anbieter von Milch, Joghurt und Käse. Aber wie fair sind solche Produkte tatsächlich? Und bei wem kommt das Geld an?

Düsseldorf - Gute Arbeit soll angemessen entlohnt werden, diese Idee steht hinter sogenannter „fairer“ Milch. „Produkte mit diesem Logo unterstützen deutsche Erzeuger“, verspricht beispielsweise der Discounter Netto mit dem Label „Ein Herz für Erzeuger“. Und „sternenfair“, eine Marke der MVS Milchvermarktungs-GmbH, wirbt mit einer angemessenen Entlohnung der Milchbäuerinnen und -bauern.

Viele Menschen seien bereit, etwas mehr für Joghurt, Käse oder Milch zu zahlen, sagt Frank Waskow, Lebensmittelexperte bei der Verbraucherzentrale NRW. Sie wollen aber wissen, ob ihr Geld tatsächlich bei den Erzeugern ankommt und was hinter den vermeintlich fairen Produkten steckt.

„Faire Milch“
Eine Plastikkuh trägt die Aufschrift „Die faire Milch“. Wenn Verbraucher bereit sind, für Joghurt, Käse oder Milch etwas mehr zu zahlen, fragen sie sich aber auch, was davon bei den Erzeugern ankommt. © Hauke-Christian Dittrich/dpa/obs

Die Verbraucherschützer haben sich einige Produkte aus nordrhein-westfälischen Supermärkten und Discountern näher angesehen. Um zu beurteilen, wie fair der jeweilige Auszahlungspreis ist, legen Waskow und sein Team den Milch Marker Index (MMI) zugrunde. Dieser Wert wird vom MEG Milch Board veröffentlicht, einer Interessengemeinschaft deutscher Milcherzeuger.

Auszahlungspreise etwas höher

Der Index zeigt, welche Kosten Bäuerinnen und Bauern pro Kilogramm erzeugter Milch entstehen. Diese lagen im Durchschnitt aller Betriebe im dritten Quartal 2021 bei 46,13 Cent. Die Kosten für Bio-Milch gibt der MMI für das Wirtschaftsjahr 2020/2021 mit 64,39 Cent an. Die Molkereien zahlten den Höfen aber durchschnittlich nur 48,66 Cent für Bio-Milch und 37,45 Cent für konventionelle. Es blieb also für jedes verkaufte Kilo eine deutliche Lücke.

Die als fair vermarkteten Milchprodukte liegen etwas über dem Durchschnittswert, wie der Vergleich der Verbraucherzentrale vom 7. Januar 2022 zeigt.

Beispiele für unterschiedliche Strategien

Milchviehbetriebe sind sehr unterschiedlich

Der Vergleich macht deutlich: Die gezahlten Preise sowie die Ideen hinter dem Begriff „fair“ unterscheiden sich teils deutlich. Und selbst die großzügigsten Anbieter liegen mit ihrem Auszahlungspreis unter den im Milch Marker Index errechneten Kosten. Dass Bäuerinnen und Bauern trotzdem weitermachen, hat verschiedene Gründe.

Milchpreise
Selbst großzügige Milch-Anbieter liegen mit ihrem Auszahlungspreis unter den im Milch Marker Index errechneten Kosten. Der Index zeigt, welche Kosten Bäuerinnen und Bauern pro Kilogramm erzeugter Milch entstehen. © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa-tmn

So handelt es sich beim Milch Marker Index um Durchschnittswerte. Die Realität auf einzelnen Höfen bilden die Zahlen allenfalls stark verzerrt ab. „Es gibt nicht den einen Milchviehhalter in Deutschland“, sagt Birthe Lassen, die am Thünen-Institut für Betriebswirtschaft zu Milcherzeugungskosten forscht.

Erfolg hängt von Zahl der Kühe und Region ab

Wie die Betriebe finanziell dastehen, unterscheide sich erheblich. Eine Rolle spielt etwa die Zahl der Kühe. So verdienen unentgeltlich Beschäftigte - also beispielsweise der Landwirt selbst und seine mitarbeitende Frau - in einem kleinen Betrieb mit bis zu 50 Kühen durchschnittlich weniger als in einem Unternehmen mit über 200 Kühen.

Erfolg hängt aber nicht von der Größe ab. Es gibt sowohl kleine als auch große Betriebe, die Gewinn erwirtschaften - oder eben Verluste machen. Was Landwirtinnen und Landwirte für die Milcherzeugung aufwenden müssen und wie viel Geld sie von ihrer Molkerei bekommen, unterscheidet sich auch regional. „Sowohl die Erlöse als auch die Kosten je Kilogramm Milch liegen in süddeutschen Betrieben durchschnittlich höher als im Norden Deutschlands“, sagt Lassen.

Einige Höfe können ein Minus im Milchgeschäft über Einnahmen in anderen Bereichen ausgleichen, beispielsweise über eine Biogas- oder Photovoltaikanlage. „Oft läuft es aber auch auf Selbstausbeutung hinaus“, sagt Ute Zöllner vom MEG Milch Board. Von dem Stundenlohn, den der Milch Marker Index für den Betriebsleiter und die mitarbeitenden Familienangehörigen ansetzt, bleibe in der Realität oft nur wenig übrig.

Allerdings sei der vom Milch-Marker-Index zugrunde gelegte Arbeitslohn eher höher als in anderen Produktionskostenvergleichen, merkt Birte Lassen an. Für die Wissenschaftlerin zeigt das, wie dehnbar der Begriff „fair“ ist: „Dahinter steht keine klare Definition“, gibt sie zu bedenken. Unter einem angemessenen Gehalt stelle sich jeder etwas anderes vor.

Klare Kriterien fehlen

Ob die als fair angepriesene Milch tatsächlich gerecht ist, bleibt also auch eine Frage des eigenen Empfindens. Und noch etwas sollten Käuferinnen und Käufer im Hinterkopf haben: Wer im Supermarkt nach dem Milchpaket greift, weiß letztlich nicht, welche Betriebe er mit dem Extrabeitrag unterstützt: Wirtschaften die beteiligten Bäuerinnen und Bauern kostendeckend oder machen sie Minus? Lassen sie ihre Kühe auf die Weide? Verfüttern sie gentechnisch verändertes Sojaschrot oder Heu aus der Region?

Milchkühe
Wie wirtschaftlich erfolgreich Bäuerinnen und Bauern sind, hängt auch von der Anzahl der Kühe und der Region ab. © Boris Roessler/dpa/dpa-tmn

Einige Anbieter von fairer Milch informieren darüber auf ihren Webseiten. Klare Kriterien dazu biete die Bezeichnung „fair“ aber nicht. „Letztlich muss sich jeder selbst fragen, was ihm beim Einkauf besonders wichtig sind“, sagt Waskow. Er empfiehlt, beim Einkauf auch auf kurze Transportwege zu achten. Vielleicht ist ein vermeintlich faires Produkt dann nicht immer die erste Wahl, zum Beispiel, weil es von weither kommt, statt vom Hof in der Nähe. dpa

Auch interessant